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Projektgruppe: Kunst – Liturgie – Geschichte

Dr. Markus Hörsch

Sakralbauten als Brennpunkte der Hofkultur mitteleuropäischer Herrscher in der zweiten Hälfte des 15. Jhs - Friedrich III., Maximilian I., Matthias Corvinus, Wladislaw II.

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Křivoklát/Pürglitz, Burgkapelle, Inneres nach Osten (Foto: Radovan Boček)

Kurzbeschreibung

Verschiedene Typen von Sakralbauten wurden zum Handlungsraum und zur Bühne höfischer Repräsentation und Erinnerungskultur: Die Spanne reicht vom privaten Andachtsraum über die Schlosskapellen für Fürst und Hofadel, über Kloster- und Stiftskirchen, die meist das Ziel memorialer Stiftungen waren, bis hin zu den Stadtpfarrkirchen, in denen der Fürst als Landesherr präsent sein wollte. Dabei schließen sich verschiedene Aspekte höfischer Repräsentation nicht aus. So wird stets ein heraldischer Anteil zu beobachten sein, der Erkennbarkeit und historische Herleitung von Ansprüchen und Gepflogenheiten gewährleistete, des Weiteren spielen geistliche Stiftungen im engeren Sinn eine zentrale Rolle, so Retabel, Skulpturenreihen, textile und Goldschmiede-Arbeiten usf. Schließlich kommt der jeweiligen Nutzung der Sakralräume, sei es durch die hierfür eingesetzte Geistlichkeit, sei es durch den Herrscher oder Fürsten selbst, eine eigenständige "ästhetische" Bedeutung zu, da sie durch ritualisierte Handlungen und zugehörige Utensilien – und nicht zuletzt auch durch anwesendes Publikum – den Sakralraum erst seinem eigentlichen Zweck zuführt.
Das Projekt stellt die Ganzheit solcher Ensembles, die auch den perfomativen und notwendigerweise teilweise auch ephemeren Aspekt der Repräsentation einschließt, ins Zentrum der Untersuchung. So können Aussagen und spezifischer Charakter der Repräsentation einzelner Zeitschichten und Persönlichkeiten differenzierter als bisher erfasst werden.
Zeitlich erstreckt sich das Projekt auf die Regierungszeiten der Habsburger-Kaiser Friedrich III. und seines Sohnes Maximilian I. (1440–1519), die diejenige der konkurrierenden Herrscher Böhmens, also König Matthias' Corvinus von Ungarn und des Jagiellonen Wladislaw II. in Böhmen und Ungarn, einschließt. Die von diesen Herrschern regierten Länder, insbesondere aber ihre Haupt- und Nebenresidenzen, bezeichnen das Untersuchungsgebiet.
Vergleichend untersucht werden die zentralen Objekte der ostmitteleuropäischen Herrscherrepräsentation im sakralen Bereich, wobei Beispiele der genannten unterschiedlichen hierarchischen und rechtlichen Ebenen ausgewählt werden. Das heißt für den Herrschaftsbereich der Habsburger: die Schlosskapellen in Wien und Wiener Neustadt, die Kloster- und Stiftskirchen in Wien (Stefansdom, St. Maria am Gestade), Wiener Neustadt (Dom, Neukloster, St. Peter an der Sperr) und Graz (Stiftskirche); für Ungarn: die archäologisch rekonstruierten Schlosskapellen der corvinischen und jagiellonischen Ära in Buda, Visegrad und Bratislava, die Stiftskirche Szekesferhérvár (Grabkapelle König Matthias'), Pfarrkirchen in Buda (Matthiaskirche) und Pest, Bratislava und Kaschau; in Böhmen: die Nutzung und Ausstattung der Allerheiligenkapelle auf der Prager Burg und der Burgkapelle Pürglitz in der Jagiellonen-Ära, ebenso des Prager Veitsdoms und der Georgskirche auf der Prager Burg.
Ziel ist die Erfassung der Ensembles o. g. Sakralbauten im Hinblick auf ihre Rolle im Rahmen der höfischen Repräsentation. Dafür sind – neben den Kunstwerken – Quellen aller Gattungen heranzuziehen. Nach Zusammenstellung der "Sachgesamtheiten" und ihrer Deutung aus den Quellen steht besonders der Vergleich der Beispiele an den unterschiedlichen Höfen im Fokus, sowohl auf Seiten der Habsburger als auch in Böhmen und Ungarn. Wie änderte sich die Repräsentation im vorgegebenen Rahmen im Untersuchungszeitraum? Sind bewusste Abgrenzungen gegeneinander oder, vice versa, Bezüge aufeinander zu konstatieren? Welche Rolle spielten Vorbilder außerhalb des Untersuchsgebietes Mitteleuropa, also Burgund / Frankeich, die spanischen Reiche, Italien? Damit ist weniger die in vielen Einzelfällen bereits nachgewiesene Existenz solcher Bezüge gemeint (so gilt Kaiser Friedrich III. als Liebhaber aktueller niederländischer Kunst, Corvinus hingegen als großer Förderer und Vermittler der italienischen Renaissance in Mitteleuropa), sondern die weiter führende Frage nach dem Einsatz bestimmter Künstler und Kunstrichtungen für je spezifische Anlässe.