3-Forschung.png

Forschungsleitende Perspektiven

Die am GWZO angesiedelten Projektgruppen und (Einzel-)Projekte nehmen die im Jahr 2007 mit dem Wissenschaftlichen Beirat formulierten forschungsleitenden Perspektiven des BMBF-Förderantrags auf, ohne dass sie ausschließlich je einer von ihnen zuzuordnen wären. Die forschungsleitenden Perspektiven bilden vielmehr den gemeinsamen Rahmen, innerhalb dessen interdisziplinär und epochenübergreifend gearbeitet werden kann. Überschneidungen und Berührungen sind deshalb programmatisch gewünscht; sie ermöglichen innovative Ergebnisse.

Perspektive I: Kulturtransfer in den inner- und überregionalen Beziehungen Ostmitteleuropas

Für die Untersuchung von Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas bietet sich das Konzept des Kulturtransfers geradezu an, lassen sich doch hier inner- und überregionale Kulturkontakte vom frühen Mittelalter bis heute beobachten. Kulturtransfer wird als dynamischer Prozess aufgefasst, der nicht bloß die Übertragung oder Ausbreitung von kulturellen Phänomenen beschreibt, sondern vielmehr deren gegenseitige Beeinflussung. Das historische Profil der Region lässt sich nicht erforschen, geht man von der Vorstellung homogener Kulturen aus. Begriffe wie "Ausgangskultur" und "Zielkultur" haben sich hier als irreführend erwiesen; Termini wie "Import", "fremd" und "anders" sollen nicht als Verneinung offener Beziehungsgeflechte verstanden werden, die Prozessen wechselseitiger Durchdringung eine Hierarchie geben. 

Wir verstehen daher "Kulturen" nicht als abgrenzbare Entitäten, sondern als relationale und kontextabhängige Praktiken. Diese werden z. B. an der Rolle und Funktion von vermittelnden Akteuren wie Intellektuellen und Künstlern, Bauherren und Juristen, Kaufleuten und Exilanten, aber auch Vermittlungsinstanzen wie Sprache und Medien untersucht.

Perspektive II: Bedingtheiten und Potenziale von Modernisierungsprozessen

Phänomene von "Modernisierung" durchziehen die gesamte Geschichte Ostmitteleuropas bis in die Gegenwart. Ein wesentliches Anliegen des GWZO ist, unter dieser Perspektive die Eigenvoraussetzungen und -entwicklungen der ostmitteleuropäischen Gesellschafts- und Staatsbildungen zu erforschen. Dabei gilt es, die an westeuropäischen Verläufen ausgerichtete Normierung von Modernität zu vermeiden. Vor dem Hintergrund der Perspektive I "Kulturtransfer" wird vielmehr die "Europäisierung" Ostmitteleuropas nach 1989 als Wiederentdeckung seiner historischen Europäizität aufgefasst  – ist doch Europa erst durch den Einschluss der einst als "barbarisch" angesehenen Regionen im Norden und Osten des Kontinents "geworden".

Offene Konzepte von Modernisierung dienen dazu, die spezifischen Entwicklungen der Region vom Mittelalter bis zum 21. Jahrhundert auf eine Weise zu beschreiben, die verbreitete Thesen von ihrer relativen Rückständigkeit revidiert und Ostmitteleuropa als gleichberechtigten Gegenstand einer historischen Komparatistik etabliert.

Perspektive III: Nationale Identitätsbildungen

Betrachtungen von Kulturkontakten und Modernisierungsprozessen in Ostmitteleuropa zeigen sich vielfach vom historischen Erfolg nationalstaatlicher Narrative verengt. Doch sind Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart von komplex verwobenen Identifikationsangeboten geprägt, am offensichtlichsten von regionalen (sub- und transnationalen), ethnischen und konfessionellen.

Die Problematisierung "nationaler Identitätsbildung" ist insofern zugleich ein Forschungs- und politisches Anliegen: Untersuchungen von Entstehung, Formierung und Festigung solcher und anderer Zuschreibungen können dazu beitragen, überkommene Werturteile bezüglich konkurrierender Identitätsbildungen zu thematisieren. Von zentraler Bedeutung ist diese Perspektive z. B. für das Forschungsparadigma der Erinnerungskulturen, waren doch die Geschichtspolitiken staatlicher, parteipolitischer und zivilgesellschaftlicher Akteure zumeist national geprägt und wirken als solche weitgehend ungebrochen fort. Demgegenüber stehen am GWZO transnationale Bestimmungsfaktoren wie Religion, Ideologie und "Europa" sowie Prozesse kultureller Umwertung und Interferenz im Fokus.